(Neue) Arbeitswelt

Recruiting auf offener Straße?

Ich war gerade in meine wohlverdiente Mittagspause gestartet und unterwegs zu meiner Verabredung, als mich plötzlich ein Mann im schicken Anzug anhielt. Zunächst dachte ich, der fremde Herr würde sich nach etwas erkundigen wollen, weshalb ich stehen blieb. Und schon nahm die Kuriosität ihren Lauf.

Er fragte mich nicht etwa nach einer Sehenswürdigkeit oder einer Wegbeschreibung – Nein, er erkundigte sich, ob ich aus Jena kommen würde und ob nicht Interesse hätte, in seinem expandierenden Unternehmen einen Job anzunehmen. Er verlor weder ein Wort darüber, um welche Art Job es sich handeln würde, noch warum ich ihm seiner Ansicht nach als geeignet erschien. Auch nach der Bemerkung meinerseits, dass ich mich bereits in einem Beschäftigungsverhältnis befinde, schwamm er nur rum und machte mir stattdessen eigenartige Komplimente wie: „ Na, dass Sie nicht auf Hartz IV angewiesen sind, sehe ich sofort!“ Aha! So viel zum Thema Oberflächlichkeit und Seriosität….

Und trotz meiner Festanstellung war er fest davon überzeugt, dass der Job, den er mir anbot um weiten besser wäre. Immerhin versprach er mir doppeltes Einkommen bei halb so viel Arbeitszeit! Und das natürlich ohne zu wissen, welche berufliche Qualifikation ich besitze und ohne mir zu verraten, worin eigentlich die Arbeit bei ihm bestünde. Unseriöser geht es wohl kaum! Und ich möchte auch nicht unbedingt wissen, was er mir da andrehen wollte.

Aber prinzipiell brachte mich dazu darüber nachzudenken, inwiefern Recruiting auf offener Straße sinnvoll wäre… Sollen wir uns in Zeiten des Fachkräftemangels wie Marktschreier in die Öffentlichkeit begeben und unsere offenen Stellen propagieren?

Oder sollen wir auf gut Glück  in die Fußgängerzone gehen und einfach Leute anquatschen, die eventuell nach Informatikern aussehen? Ist diese Methode von Vornherein als unseriös verschrien oder lassen wir uns gerade eine geniale Recruiting-Strategie entgehen?

Was meint Ihr? Wie würdet Ihr reagieren, wenn man Euch auf offener Straße plötzlich einen Job anbieten würde?

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8 Kommentare

  • Ich glaube für Vollzeitbeschäftigungen in einem normalen Angestelltenverhältnis ist es sehr schwierig auf der Straße zu werben. Schließlich sind wir es nicht gewöhnt, einfach auf der Straße einen seriösen Job angeboten zu bekommen. Ich will damit nicht sagen, dass es nicht funktionieren könnte, doch was sich immer wieder heraus stellt: Was wir nicht kennen, dem misstrauen wir erstmal.
    Anders, wenn es sich zum Beispiel um einen Nebenjob, oder einen einmaligen Nebenverdienst handelt. Das ist klar, das kennen wir, das wird akzeptiert.
    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man besonderen Erfolg mit dem wahrlosen Ansprechen von Personen, die eventuell so aussehen, als könnten sie in den Job passen, hat. Dagegen würde ich eine Aktion auf der Straße, bei der für den zu besetzenden Job geworben wird, durchaus erfolgreich vorstellen. Menschen, die eine Anstellung suchen, trauen sich nicht immer direkt auf den möglichen Arbeitgeber zu zugehen, was sich vielleicht ändern ließe, wenn der Arbeitgeber den ersten Schritt zur Begegnung tätigt.
    Ansonsten stehe ich dem Recruiting auf offener Straße eher kritisch gegenüber. Wäre allerdings bereit mir das Angbot anzuhören, wenn, anders als in der beschriebenen Situation, die wichtigsten Informationen über den Job vermittelt werden. Ansonsten wirkt es doch zu unseriös.

  • Das klingt für mich sehr stark nach HMI (Hamburg-Mannheimer Investment), die ja mittlerweile in ERGO umgelabelt wurde und dem Modell des Strukturvertriebs frönt(e). Dererlei Konsorten gibt es immer noch reichlich. Trotz subtilster Methoden gelingt es diesen Leuten immer wieder, geeignete Opfer zu finden. Da werden Einkommen von 3.000 EUR Brutto bei 10h Arbeit pro Woche versprochen. Da wird während des „Recruitinggesprächs“ aus dem Fenster geblickt, weil gerade der „Mirko mit seinem neuen 5-er BMW vorfährt, den er sich gerade von seinen ersten drei Monatsgehältern gekauft hat“ usw. Während meiner Zivi-Zeit war ich mal mit Abrissarbeiten beschäftigt und wurde in wirklich schlimmster, schmutziger Baukluft mit den Worten angesprochen „Junger Mann; ich glaube Sie würden ganz wunderbar in mein Unternehmen passen!“ … 🙂

  • @Marisa:
    Ich bin da ganz Deiner Meinung. Es ist in erster Linie unbekannt und die meisten Leute werden (wenn überhaupt) wahrscheinlich eher schlechte Erfahrungen gemacht haben. Sich dann als seriöser Arbeitgeber auf der Straße glaubhaft verkaufen zu können, stelle ich mir ungemein schwierig vor….

    @Stefan:
    Welche Jobs sind es denn so? 🙂

    @gb:
    Zumindest kann man den Leuten kein mangelndes Engagement vorwerfen. Es würde mich wirklich interessieren ob und wie sich das für die lohnt.

  • Liebe Olga, definitiv unseriös. Ich meine schon, dass neue und auch durchaus ungewöhnliche Wege im Recruiting angebracht sind. Nur – wildfremde Menschen auf der Strasse für einen Job anzusprechen, gehört definitiv in die Schublade: Lusch. Die Aussagen und Versprechungen sind selbstredend. Wenn nach all den Scientologen, Zeugen Jehovas und Brunnen-für-Äthiopien-Stundentenspendensammlern nun auch noch Jobvermittler meinen Shoppingsamstag vermiesen, muss ich wohl doch noch auf online-Shopping umsteigen… Aus Zürich grüsst Jörg

  • Hey Olga,

    sowas ist mir gestern in Jena auch passiert – mitten im Einkaufsbummel – und da hab ich gleich an deinen Artikel hier denken muessen! 🙂

    Eine Dame hat mich zunaechst nach einem guten Cafe in der Stadt gefragt – hab ich ihr auch ein paar vorgeschlagen und erklaert, wie sie dahin kommt. Und dann meinte sie auf einmal, ob ich denn Lust auf einen Nebenjob mit sehr guter Bezahlung haette – sie waere auf der Suche nach jungen, aufgeschlossenen, offenen Menschen wie mich… oO Um was fuer eine Art Job es ging, wollte sie mir allerdings nicht verraten – sie wuerde mich dazu aber gern einmal anrufen wollen…

    Also echt jetzt – Sachen gibts…

    Liebe Gruesse
    Mandy

  • Guerrilla-Marketing 0.8. Klingt mir stark nach tecis. Augen auf und immer schön große Bögen um Anzugträger in Campusnähe laufen. 😉

  • Ist mir gerade in München passiert. Zum zweiten Mal allerdings. Beim ersten Mal stieg die Dame aus einem Porsche. Offerierte mir ihre ergo Karte und bewarb mich. Ich habe mich sogar nochmals bei ihr gemeldet, da ich näheres wissen wollte. Habe nie wieder etwas von ihr gehört. Heute bin ich in das Gespräch(Angequatsche) skeptischer gegangen. Habe keinerlei Daten von mir gegeben. Ich meinte, dass ich mich melde, da wollte der Typ diesmal sein Kärtchen wieder zurück. Passiert ja eh nichts. Keine Ahnung was die tatsächlich wollen.

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