{"id":8124,"date":"2012-08-08T07:14:11","date_gmt":"2012-08-08T05:14:11","guid":{"rendered":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/?p=8124"},"modified":"2019-04-09T16:23:12","modified_gmt":"2019-04-09T14:23:12","slug":"praktikum-in-japan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/2012\/08\/praktikum-in-japan\/","title":{"rendered":"Praktikum in Japan"},"content":{"rendered":"<p>Am Wochenende habe ich mal wieder in uralten Kamellen rumgekramt. Da fielen mir Papiere von meinem Praktikum in Japan in die Hand \u2013 10 Jahre ist das schon wieder her! Auf jeden Fall geh\u00f6rt diese Erfahrung in meine Sammlung \u201eDie beste\/n Zeit\/en meines Lebens\u201c&#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr viele ist Japan ein Buch mit sieben Siegeln. Ich hatte zwar den Vorteil, eine sehr enge japanische Freundschaft zu hegen und war daher auch schon viel gereist und hatte einen Sommer in einer japanischen Familie verbracht, aber in Japan zu arbeiten ist dann doch immer noch mal was ganz anderes.<\/p>\n<p>Wer ein Praktikum in Japan sucht, hat es meist schwer, da es dort nicht \u00fcblich ist, Praktika zu absolvieren. Nach dem Studium bewerben sich die jungen Japaner bei den verschiedenen Arbeitgebern und arbeiten dann meist das erste Mal in ihrem Leben. Es ist die Aufgabe des Managers St\u00e4rken seiner Mitarbeiter herauszufinden und sie dann dementsprechend gezielt dort einzusetzen, wo sie ihre F\u00e4higkeiten weiterentwickeln und zum Gl\u00e4nzen bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich hatte direkt nach dem Studium versucht, bei deutschen Firmen mit japanischer Niederlassung Arbeitserfahrung in Form eines Praktikums \u00a0sammeln zu k\u00f6nnen. Es hagelte geschlossen Absagen. Erst mehrere Jahre sp\u00e4ter &#8211; f\u00fcnf um genau zu sein &#8211; bekam ich pl\u00f6tzlich \u00fcber das altbew\u00e4hrte Vitamin B die M\u00f6glichkeit f\u00fcr 3 Monate nach <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Higashihiroshima\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Higashi Hiroshima <\/a>zu gehen \u2013 zu <a href=\"http:\/\/www.webasto.de\/home\/de\/html\/homepage.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Webasto<\/a>.<\/p>\n<p>Mein damaliger Arbeitgeber wollte mir nur ungern eine \u201eAuszeit\u201c geben, wollte mich mit Laptop und Telefon ausstatten, um meinen regul\u00e4ren Job dort weitermachen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr mich gab es jedoch nur zwei M\u00f6glichkeiten: entweder die Gew\u00e4hrung eines Sabbaticals oder aber K\u00fcndigung. Manchmal muss man eben konsequent sein\u2026 Mein Chef machte mit und so nahm ich f\u00fcr 3 Monate unbezahlten Urlaub.<\/p>\n<p>Mit schweren Koffern kam ich an einem Samstagnachmittag mit dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shinkansen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Shinkansen<\/a> am Bahnhof von Higashi Hiroshima an und mein \u201eManager\u201c erwartete mich schon, brachte mich in die von der Firma gemietete Wohnung und holte mich auch am ersten Arbeitstag ab, da man ca. 15 Minuten in das Gewerbegebiet fahren musste, wo Webasto seine Produktionsanlagen f\u00fcr Dachsysteme und auch die entsprechenden B\u00fcros hat. Da bekam ich gleich einen kleinen alten gr\u00fcnen Daihatsu-Firmenwagen verpasst mit dem Hinweis, erstens immer links zu fahren und zweitens keinen schwarzen Mercedes mit Anzug und Sonnenbrillen tragenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yakuza\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Yakuza<\/a> zu rammen, denn das g\u00e4be \u00c4rger. Alles klar, dachte ich und schluckte.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfraumb\u00fcro standen die Tische der ungef\u00e4hr 12 Abteilungen, am Tischende sa\u00df jeweils der Manager, der\u00a0 morgens als Erster kam und abends als Letzter ging. Kurz nach 8 Uhr kam jeden Morgen der Aufruf zum <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gqW61DIIHXk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Taiso<\/a>, wo alle auf den Flur liefen und gemeinsam Gymnastik-\u00dcbungen machten. Jeden Donnerstag morgen wurden die Putzlappen geholt und jeder reinigte emsig seinen Arbeitsplatz. Pausen gab es per Gong, vormittags und nachmittags je 10 und mittags 45 Minuten \u2013 wenn ich mich recht erinnere. Mittags wurden die PCs runtergefahren und das Licht ausgeschaltet. Essen gab es eine Etage tiefer \u2013 immer dampfenden Reis mit Gem\u00fcse, Fisch, manchmal Fleisch und<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Miso\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"> Miso-Suppe<\/a>. Nach dem Mittagessen trafen sich die Frauen im Waschraum wieder, wo sie sorgsam ihre meist schief gewachsenen Z\u00e4hne putzten. Der Toilettengang wurde von einem st\u00e4ndigen Wassersp\u00fclen begleitet, damit die Anderen das nat\u00fcrliche Gepl\u00e4tscher nicht h\u00f6ren konnten. Eine wahnsinnige Wasserverschwendung &#8211; ich hoffe, dass auch da mittlerweile die Erfindung der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Toiletten-_und_Sanit%C3%A4rkultur_in_Japan\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Sound Princess<\/a> Einzug gehalten hat.<\/p>\n<p>Am spannendsten fand ich immer, wie anders Probleme gel\u00f6st werden im Land der aufgehenden Sonne. Hat einer ein Problem, kommt nicht ein Kollege, sondern meist viele Kollegen, um zu helfen. Manchmal schauen aber auch alle nur ratlos drein \u2013 ein Gemeinschaftsgef\u00fchl macht sich breit. Absprachen werden mindestens einmal schriftlich best\u00e4tigt \u2013 von jeder Seite nat\u00fcrlich. F\u00e4hrt eine Kollegin in den Urlaub \u2013 nennen wir ihn aufgrund der japanischen K\u00fcrze \u201everl\u00e4ngertes Wochenende\u201c \u2013 bringt sie den anderen immer ein Souvenir mit &#8211; kleine Briefbeschwerer, S\u00fc\u00dfigkeiten, Stofft\u00fccher.<\/p>\n<p>Was ich besonders sch\u00f6n fand, war der Brauch, neue Kollegen zu begr\u00fc\u00dfen oder andere zu verabschieden:\u00a0 Man geht abends zusammen als Abteilung in ein Restaurant und l\u00e4dt den, der neu kommt oder den, der geht, gemeinsam ein. Wenn&#8217;s passt, geht man anschlie\u00dfend noch etwas trinken oder zum Karaoke \u2013 da habe ich wirklich sehr entspannte, sehr fr\u00f6hliche Momente mit den japanischen Kollegen verbracht!<\/p>\n<p>Was meine Arbeit anging, so habe ich Englisch unterrichtet und Dokumente vom Deutschen ins Englische \u00fcbersetzt, z.B. Patente und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/FMEA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">FMEA<\/a>-Papiere und auch arbeitstechnisch dazugelernt.<\/p>\n<p>Am Ende aber bleiben die ganzen zwischenmenschlichen Erfahrungen pr\u00e4sent, all das, wo es nichts bringt, es erz\u00e4hlt zu bekommen oder irgendwo zu lesen \u2013 man muss es selbst erlebt haben!<\/p>\n<p>Wer also in einem so ganz anderen Land Erfahrungen sammeln m\u00f6chte, dem w\u00fcnsche ich den Mut, um Geplantes in die Tat umzusetzen und nat\u00fcrlich viel Erfolg!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende habe ich mal wieder in uralten Kamellen rumgekramt. Da fielen mir Papiere von meinem Praktikum in Japan in die Hand \u2013 10 Jahre ist das schon wieder her! Auf jeden Fall geh\u00f6rt diese Erfahrung in meine Sammlung \u201eDie beste\/n Zeit\/en meines Lebens\u201c&#8230; F\u00fcr viele ist Japan ein Buch mit sieben Siegeln. 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