{"id":9525,"date":"2013-03-21T08:01:02","date_gmt":"2013-03-21T07:01:02","guid":{"rendered":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/?p=9525"},"modified":"2013-03-21T08:01:02","modified_gmt":"2013-03-21T07:01:02","slug":"arbeitsrecht-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/2013\/03\/arbeitsrecht-ii\/","title":{"rendered":"Arbeitsrecht (2): Diskriminierende Stellenausschreibung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Stellenausschreibung_1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-9600\" alt=\"Stellenausschreibung_1\" src=\"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/Stellenausschreibung_1.jpg\" width=\"455\" height=\"295\" \/><\/a>&#8222;Wow, eine Stelle in einem Luxus-Kosmetik-Studio, das w\u00e4r\u00b4s doch&#8220;, denkt sich <a href=\"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/2013\/03\/serie-arbeitsrecht-prolog\/\" target=\"_blank\">Chantal<\/a> und sieht sich schon Champagner-schl\u00fcrfend mit der High Society plaudern. Sie packt ihre Bewerbungsunterlagen zusammen, geht zum Fris\u00f6r und zum Fotografen und schickt alles ab. Ein paar Tage sp\u00e4ter kommt eine Absage von Forever Young:<\/p>\n<p><em>\u201eLeider k\u00f6nnen wir Ihre Bewerbung nicht ber\u00fccksichtigen. Mit Ihren 22 Lenzen sind sie ja noch gr\u00fcn hinter den Ohren. Au\u00dferdem kann man mit Konfektionsgr\u00f6\u00dfe 42+ nicht wirklich von einem angenehmen \u00c4u\u00dferen sprechen. Gern k\u00f6nnen sie sich in 10 Jahren und mit 20 kg weniger noch einmal bewerben, da ihre Noten ja super sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Chantal ist stinksauer und macht sofort einen Termin bei\u00a0 ihrem Anwalt Dr. Redlich.<!--more--><\/p>\n<p>Diskriminierende Stellenanzeigen sind gar nicht so selten und k\u00f6nnen f\u00fcr den potentiellen Arbeitgeber teuer werden. Aber wann liegt eine Diskriminierung bzw. Benachteiligung vor? Auskunft\u00a0 dar\u00fcber gibt uns das <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/agg\/index.html\" target=\"_blank\">Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).<\/a> \u00a7 3 AGG nennt 5 Benachteiligungsformen:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die unmittelbare Benachteiligung<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die nicht gerechtfertigte mittelbare Benachteiligung<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Bel\u00e4stigung (dazu z\u00e4hlt beispielsweise auch das Mobbing)<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die sexuelle Bel\u00e4stigung und<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Anweisung zu einer Benachteiligung<\/p>\n<p>Bei Stellenanzeigen kommen haupts\u00e4chlich die beiden ersten Benachteiligungsformen in Betracht. Eine unmittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn eine Person wegen eines in \u00a7 1 genannten Grundes eine weniger g\u00fcnstige Behandlung erf\u00e4hrt, als eine andere Person in einer vergleichbaren Situation erf\u00e4hrt, erfahren hat oder erfahren w\u00fcrde (\u00a7 3 Abs. 1 AGG). Hier ist eine Ungleichbehandlung gemeint, die zu einer Zur\u00fccksetzung gef\u00fchrt hat. Beispiel: Eine Frau bekommt bei gleicher Qualifikation weniger Geld. Bei einer mittelbaren Benachteiligung geht es um eine formale Gleichbehandlung, die zu einer Zur\u00fccksetzung f\u00fchrt.\u00a0 Z.B. w\u00e4re ein allgemeines Verbot des Tragens von Kopfbedeckungen eine mittelbare Benachteiligung von Musliminnen.<\/p>\n<p>Keine Diskriminierung ohne Diskriminierungsgrund. Das AGG normiert in \u00a7 1<a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/agg\/__1.html\" target=\"_blank\"> acht Gr\u00fcnde<\/a>. Das sind nur Benachteiligungen aus Gr\u00fcnden<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 der Rasse oder<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wegen der ethnischen Herkunft,<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 des Geschlechts,<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 der Religion oder<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Weltanschauung,<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 einer Behinderung,<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 des Alters oder<br \/>\n&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 der sexuellen Identit\u00e4t<\/p>\n<p>Diese Aufz\u00e4hlung ist abschlie\u00dfend. Vor Benachteiligungen aus anderen Gr\u00fcnden sch\u00fctzt das Gesetz nicht.<\/p>\n<p>Sehen wir uns doch die Auswahlkriterien\u00a0 in der Stellenanzeige einmal etwas genauer an<\/p>\n<p><strong>1. \u201ebelastbar\u201c<br \/>\n<\/strong>Hier k\u00f6nnte eine mittelbare Diskriminierung aufgrund des Alters oder einer Behinderung vorliegen. Da Chantal mit ihren 22 Jahren sehr jung ist und ein etwas h\u00f6heres Gewicht nicht als Behinderung gilt, ist sie selbst nicht betroffen.<\/p>\n<p><strong>2. &#8222;Kosmetikerin&#8220;<\/strong><br \/>\nDiese Formulierung stellt eine unmittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts dar, weil nur die weibliche Berufsbezeichnung gew\u00e4hlt wurde. Chantal ist aber eindeutig weiblich und deshalb nicht betroffen.<\/p>\n<p><strong>3. \u201eab 32 Jahre\u201c<\/strong><br \/>\nDies ist eindeutig eine Diskriminierung aufgrund des Alters. Vom AGG gesch\u00fctzt wird das Lebensalter, damit unterliegen auch Benachteiligungen J\u00fcngerer dem Schutz des Gesetzes. Chantal ist mit 22 Jahren deutlich j\u00fcnger und wird damit unmittelbar benachteiligt.<\/p>\n<p><strong>4. \u201emehrj\u00e4hrige Berufserfahrung\u201c<\/strong><br \/>\nHier k\u00f6nnte ebenfalls eine mittelbare Diskriminierung aufgrund des Alters vorliegen. Diese ist jedoch nach \u00a7 10 Nr. 2 AGG gerechtfertigt, wonach das Auswahlkriterium Berufserfahrung zul\u00e4ssig ist. Es sei denn, es handelt sich um eine einfache T\u00e4tigkeit, welche keine Berufserfahrung erfordert.<\/p>\n<p><strong>5. <strong>\u201ea<\/strong>ngenehm schlankes \u00c4u\u00dferes\u201c<\/strong><br \/>\nDiese Formulierung stellt keine Diskriminierung nach dem AGG dar. Ausnahmen sind nur extremes \u00dcber- oder Untergewicht, welche sich wegen der dadurch eingeschr\u00e4nkten Teilnahme am gesellschaftlichen Leben als Behinderung im Sinne des AGG einstufen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>6. \u201eDeutsche Staatsb\u00fcrgerschaft\u201c<\/strong><br \/>\nIn Betracht kommt hier eine Benachteiligung wegen der ethnischen Herkunft. Unter ethnischer Herkunft versteht man die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe von Menschen mit gleicher Sprache, Abstammung, Traditionen und \u00e4hnlicher Kriterien. Die ethnische Herkunft wird nicht mit der Staatsangeh\u00f6rigkeit gleichgesetzt. Nur wenn scheinbar an die Staatsangeh\u00f6rigkeit angekn\u00fcpft wird, aber tats\u00e4chlich die ethnische Herkunft gemeint ist, greift der Schutz des AGG.<\/p>\n<p><strong>7. \u201eFoto und Lebenslauf\u201c<\/strong><br \/>\nEs k\u00f6nnte eine mittelbare Benachteiligung vorliegen, da aus dem Lebenslauf und dem Foto auf die m\u00f6glichen Diskriminierungsmerkmale Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft geschlossen werden kann.<\/p>\n<p>Die Stellenanzeige der Forever Young GmbH ist also mit einigen diskriminierenden Auswahlkriterien gespickt und von einigen davon ist auch unsere Chantal mittelbar oder unmittelbar betroffen. Dies wird auch aus der Absage deutlich, die sie bekommen hat.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df \u00a7 11 AGG in Verbindung mit \u00a7 7 AGG unterliegen auch Stellenausschreibungen ausdr\u00fccklich dem Schutz des AGG. Kein Bewerber darf danach wegen eines der in \u00a7 1 AGG normierten Gr\u00fcnde benachteiligt werden.<\/p>\n<p>Bei einem Versto\u00df gegen das Benachteiligungsverbot steht dem Bewerber Schadenersatz und eine Entsch\u00e4digung zu (\u00a7 15 AGG)<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Schadenersatz muss der Arbeitgeber die Benachteiligung verschuldet haben. Bei einer fehlgeschlagenen Bewerbung ist ein Schadenersatz meist nur in H\u00f6he der angefallenen Bewerbungskosten nachweisbar.<\/p>\n<p>Der Anspruch auf eine angemessene Entsch\u00e4digung ist dagegen verschuldensunabh\u00e4ngig. Er ist vergleichbar mit einem Schmerzensgeld. Wenn der Bewerber auch ohne die Diskriminierung nicht eingestellt worden w\u00e4re, ist die Entsch\u00e4digung auf drei Bruttomonatsgeh\u00e4lter begrenzt. Die H\u00f6he der Entsch\u00e4digung ist nicht begrenzt, wenn der am besten qualifizierte Bewerber eine Absage aufgrund eines oder mehrerer Diskriminierungsgr\u00fcnde erhalten hat.<\/p>\n<p>Die Anspr\u00fcche auf Schadenersatz und Entsch\u00e4digung m\u00fcssen innerhalb von zwei Monaten nach Erhalt der Absage schriftlich geltend gemacht werden. Innerhalb von drei Monaten nach der Geltendmachung muss geklagt werden.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit RA Dr. Redlich geht Chantal vor Gericht und klagt, nachdem die Forever Young GmbH eine Zahlung einer Entsch\u00e4digung abgelehnt hat. Das Arbeitsgericht spricht ihr eine Entsch\u00e4digung in H\u00f6he von 3.900,00 \u20ac zu (3 Bruttomonatsgeh\u00e4lter).<\/p>\n<p>Chantal, Charly und T\u00f6chterchen Angelique fliegen erst einmal in den Urlaub nach Mallorca. Danach geht es gut erholt weiter durch den Bewerbungsdschungel \u2013 und diesmal mit Erfolg.<\/p>\n<p><em><strong>Anmerk. d. Autorin:<\/strong> Dieser Beitrag gibt die rechtliche Situation nur allgemein und verk\u00fcrzt wieder. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit und ersetzt die individuelle Beratung im konkreten Einzelfall nicht. Jegliche Haftung wird trotz sorgf\u00e4ltiger Bearbeitung ausgeschlossen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wow, eine Stelle in einem Luxus-Kosmetik-Studio, das w\u00e4r\u00b4s doch&#8220;, denkt sich Chantal und sieht sich schon Champagner-schl\u00fcrfend mit der High Society plaudern. Sie packt ihre Bewerbungsunterlagen zusammen, geht zum Fris\u00f6r und zum Fotografen und schickt alles ab. Ein paar Tage sp\u00e4ter kommt eine Absage von Forever Young: \u201eLeider k\u00f6nnen wir Ihre Bewerbung nicht ber\u00fccksichtigen. Mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":39,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[104],"tags":[26,61,13,62],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9525"}],"collection":[{"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/39"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9525"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9525\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/towerconsult.de\/bewerberblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}