Ratatouille

Patentlösung Zuwanderung

Erstaunlicher Weise relativ wenig kommentiert wurde ein Presseartikel in der Ostthüringer Landeszeitung vom 12.05.2013 mit der Überschrift „Gewerkschaft: Thüringen braucht schnell ausländische Fachkräfte“

Die Thüringer DGB-Chefin Renate Licht formuliert dort gegenüber der OTZ: „Ohne Zuwanderung werden wir unsere Wirtschaftskraft und unseren Lebensstandard nicht aufrecht erhalten können“.

Als Grund werden die, wie allseits bekannt, zurück gehenden Schulabgängerzahlen und die, laut einer Studie des Wirtschaftsministeriums, in den nächsten sieben Jahren 200 000 in der Thüringer Industrie zu ersetzenden Fachkräfte genannt.

Für mich ist diese Aussage dann doch einen Kommentar und ein paar Millimeter Quecksilbersäule erhöhten Blutdruck wert.

Zuerst einmal: Natürlich finde ich es äußerst erstrebenswert, wenn in Europa und der Welt kluge Menschen in verschiedenen Ländern studieren, arbeiten und Erfahrungen einbringen und sammeln können. Auch sollte es nach meiner Meinung zumindest in Europa eine freie Wahl des Arbeitsplatzes geben. Das ist in einer Zeit, in der man Kindern erklären muss, was eine Grenzkontrolle ist, wohl eine Selbstverständlichkeit.
Aber kann das wirklich das Rezept für die Zukunft sein, anderen Ländern, die mit viel größeren Problemen als Deutschland zu kämpfen haben, die jungen Eliten abzuwerben, die diese Länder so dringend brauchen? Ist es langfristig sinnvoll und fair die Investments der Ukraine, Ungarns, Rumäniens etc. in die Bildung ihrer Jugend als herzlich willkommen zur Sicherung unseres Wohlstandes zu verwerten? Und gibt es nicht andere Wege als den Griff in die Mottenkiste der Wirtschaftswunderzeit, um unsere demographischen Probleme in den Griff zu bekommen?

Für mich klingt das wie die Kapitulation vor den Herausforderungen der Demographie. Mit einem etwas anderen Blickwinkel, etwa den des tschechischen Wirtschaftsministers, könnte man das, was da als wünschenswert dargestellt wird, auch als geplanten demographischen Diebstahl bezeichnen.
Man könnte mit einem Blick in die jüngere Vergangenheit auch sagen, dies ist die billige Standardlösung der Bundesrepublik Deutschland, mit der man sich seit Jahrzehnten vor einer ernsthaften Behandlung des Themas Demographie in unserem Land drückt.

So haben insbesondere die Ballungszentren der „alten Bundesländer“ ihren Bedarf an Arbeitskräften anfangs aus Italien, der Türkei und Griechenland später mit hunderttausenden Asylbewerbern und Millionen Siebenbürgen, Russlanddeutschen etc. gedeckt.
Gar nicht zu reden von den rund 600 000 Menschen aus der DDR, die nach dem Mauerbau bis 1988 wie auch immer in den Westen gelangt sind.
Dazu kommen noch einmal etwa 1 300 000 Menschen, die zwischen 1989 und 2001 das Gebiet der ehemaligen DDR Richtung Westen verlassen haben.

Natürlich verbergen sich hinter diesen Zahlen oft sehr gute Gründe zur Wanderung, eine alles in allem große Integrationsleistung sowie viele menschliche Geschichten von Hilfe und Glück und Unglück auf individueller Ebene. Aber jenseits der politischen und ökonomischen Wanderungsgründe wirkte dieser stete Zustrom an zumeist jungen Menschen wie ein demographisches Beruhigungsmittel unter dessen Wirkung man sich scheinbar vor einer Auseinandersetzung mit der Tatsache drücken konnte, dass in Deutschland mehr Menschen in Rente gehen als geboren werden.

Wenn nun in Thüringen, wie sehr lange absehbar, die volle Wucht der Demographie und der Abwanderung zuschlägt, zeugt es geradezu von Denkverweigerung, als wesentliches Heilmittel die Zuwanderung aus den Ländern unserer europäischen Nachbarn zu sehen.

Natürlich ist Zuwanderung eine Tatsache und sie wird immer eine Rolle spielen, aber doch besser wohl als Sahnehäubchen, wenn man seine Hausaufgaben gemacht hat.
Was langfristig an der wichtigen Geburtenziffer zu drehen wäre, ist sicher ein eigenes Thema. Aber die Kinder, die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren nicht geboren worden, sind nun einmal nicht da.
Deshalb bleiben als zu bearbeitende Größe nur Menschen, die bereits geboren sind.
Bei der Frage, wie verhindern wir weitere Abwanderung und wie generieren wir Zuwanderung, wird wohl in Zukunft mehr Kreativität gefragt sein als die Werbung „Thüringen braucht Dich“ großformatig in Thüringen zu schalten.

Wer jetzt von mir 10 Patentlösungen für die Herausforderung erwartet, muss natürlich enttäuscht werden. Es machen sich bereits jede Menge kluge Leute in Thüringen und anderswo Gedanken wie den Folgen des demographischen Wandels beizukommen ist und haben den Stein der Weisen noch nicht gefunden. Und bei aller Neigung zur Kritik, der offensichtliche Druck auf dem Thema sorgt für Bewegung und hoffentlich auch für entschlossene, kreative Schritte außerhalb des bisher praktizierten Rasters.

Auf der Hand liegt sicher, dass eine der wesentlichen Voraussetzungen für Zuwanderung oder besser Rückwanderung die Verfügbarkeit von attraktiven Jobs in Thüringen ist. Denn wer sollte nach Thüringen kommen, um sich zu verschlechtern. Vielleicht richtet es ja auch der Markt! Wenn viele offene Stellen für relativ wenig Bewerber verfügbar sind, werden vermutlich die gut bezahlten und spannenden Jobs besetzt werden. Vielleicht verlagert dann der eine oder andere Betrieb an andere Standorte oder es werden Aktivitäten mit wenig Wertschöpfung eingestellt. Übrig blieben am Ende eher die attraktiven Unternehmen und Jobs. Insofern wäre eine Schwemme von Arbeitnehmern aus den Nachbarländern sogar kontraproduktiv und überhaupt nicht im Sinne der Gewerkschaften.

Sollte irgendwann mal gar nichts mehr gehen in Thüringen, könnte man der größten Not am Arbeitsmarkt sicher mit einer konsequenten Verschlankung der Verwaltungen auf allen Ebenen abhelfen. Bei der dazu notwendigen Umstellung auf elektronische Prozesse helfen wir gern mit Personal (jedenfalls wenn die Jobs anständig bezahlt werden).

Über den Autor

Reinhard Hoffmann

Mit einem Lebenslauf, wie er nicht im Buche steht, und der eigenen Erfahrung, nach dem Zweitstudium eine längere Bewerbungsphase durchgestanden zu haben, ist Reinhard nicht der Standard-Personaler. Typische Fragen, Zweifel und Unsicherheiten eines Bewerbers kennt er gut und sieht seine Mission darin, zu berichten, worum es bei der Personalarbeit tatsächlich geht. Uns steht die Tür zum Chefbüro immer offen, mit Rat und Tat unterstützt uns Reinhard nicht nur bei der Bewerbersuche.

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