Ratatouille

Bitte nicht stören – ich bin Dienstleister!

Quelle: S. Hofschlaeger/pixelio.de
Geschrieben von Ina

Mann, war der Winter hart und der Frühling fast nicht da! Trotzdem war ich mutig und habe endliche meine Winterklamotten wegsortiert und eine Tüte für die Reinigung fertig gemacht. Keine Angst, ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Sachen erst wieder im Herbst abholen! Ich brachte die Sachen gleich in die nächste Reinigung.

Dort wird man von einem ohrenbetäubend freundlichen „Ding Dong“ an der Tür begrüßt. Ich nehme an, um die lauten Maschinen zu übertönen und den wohlgeneigten Kunden zu verkünden. Die freundliche Dame von der Annahme stand schon hinterm Tresen und erklärte dem Kunden vor mir, dass es nicht schön ist, den Abholzettel zu verlegen und er sich nun in das Buch eintragen muss.

Meine Gedanken schweiften plötzlich in meine Kindheit. Frau Becker, die gefürchtete Grundschuldirektorin meiner Kinderzeit, hatte auch so ein scheußliches Buch, in das sich die Kinder eintragen mussten, die gegen Regeln verstießen. Übliche Vergehen waren z.B. Papier auf dem Schulhof werfen, beim Mittagessen nicht ordentlich in der Schlange zu stehen oder das Halstuch vergessen zu haben. Und wenn Du Dich dreimal eingetragen hattest, wurden die Eltern heran zitiert. Wenn man nun mal einen Blick in das Buch der Chemischen Reinigung werfen könnte… Wer wohl alles in unserer kleinen Stadt schon im „Buch des Vergessens“ steht? Und wie oft?

Wieder im Heute gelandet spürte ich, wie dem jungen Mann vor mir die Situation am Tresen peinlich wird und fluchtartig unter einem „Doppel-Ding Dong“ die Location verlässt. Ich packe fröhlich meine Sachen aus – ich kann ja keinen Zettel vergessen haben. Ein Runzeln auf der strengen Stirn der Reinigungsfachangestellten lässt mich erstarren. Oh Gott, was ist passiert? „Also die Fusseln am Kragen Ihres Mantels müssen Sie selber weg machen!“ Wie? Mein Lieblingswollschal hatte Spuren in Form von kleinsten hellen Wollfäden hinterlassen. Im Augenwinkel sah ich, dass ich noch allein im Laden war und mich nicht unbedingt wie der junge Mann vor mir fühlen muss. Ich frage freundlich nach: „Bin ich hier nicht in der Reinigung?“ Die Dame antwortet sehr schnippig, dass Sie dafür keine Zeit hätte und wenn das jeder verlangen würde… Sie reinigt nur chemisch und nicht mit einer Fusselrolle!

Hallo Deutschland! Ich bin sehr sicher, dass diese Situation sich so in einem anderen Land nicht zugetragen hätte und frage mich, was uns Deutsche daran hindert, freundlich zu sein. Wenn man in der Dienstleistungsbranche arbeitet, ist es wichtig Spaß und Freude am Dienen zu haben; ja daher kommt ja auch die Branchenbezeichnung. Sicher haben wir auch oft schwierige Situationen mit Kunden und Bewerbern. Letztens hatte ein Kunde Bewerbungsunterlagen 12 Wochen zur Prüfung bei sich und wir haben versucht die Kandidaten bei der Stange zu halten. Oder die ungeduldigen Kandidaten, die alles gleich und sofort erledigt haben wollen. Es menschelt eben überall und wir sind immer bemüht, den Ärger nicht nach außen zu tragen. Wir wissen, unsere Kunden und Kandidaten sind unsere Geschäftsgrundlage! Sicher ist es auch mal wichtig kritische Sachen anzusprechen, dies aber immer mit dem nötigen Respekt und dem Bewusstsein, dass wir nur einen Ausschnitt aus der Welt des anderen kennen können.

Ich hätte mich auch damit zufrieden gegeben, wenn die Dame hinter dem Tresen mir diesen oder einen ähnlichen Satz entgegnet hätte: „ Ich werde versuchen, den Mantel ganz sauber zu bekommen. Es kann passieren, dass nicht alle Fusseln entfernt werden, dann genügt es zu Hause mit einer Rollen drüber zu gehen.“ In diesem Fall wäre ich aus dem Laden spaziert und hätte das Gefühl gehabt, sie hat ihr Bestes gegeben. Das ist der Sinn und Zweck von Dienstleistung, das Beste zu geben und das auch gern zu tun. Wenn wir nicht so eine Haltung hätten, können wir unseren Job nicht tun. Sicher ist es oft auch schwer. Nicht jeder Tag ist wie der andere.

Braucht man bestimmte Eigenschaften, wenn man in der Dienstleistung arbeitet? Warum können wir Deutschen das so schlecht? Fragen über Fragen….

Über den Autor

Ina

Ina ist Personalerin mit Leib und Seele und war von Juni 2012 bis Mai 2015 unsere Frau an der “Front”. Sie hat bereits in der Personalentwicklung, als Headhunter und als Personalleiterin gearbeitet. Heute ist sie auch in Sachen systemische Beratung unterwegs, coacht und begleitet Fach- und Führungskräfte. Ina hat viel erlebt, was im Personalwesen passieren kann und ist gespannt auf das, was sie noch nicht erlebt hat. Über ihre Erfahrungen berichtete sie auch hier auf dem Bewerberblog.

1 Kommentar

  • Für 4,50 Euro Stundenlohn gibt es halt keine Freundlichkeit extra. Da würde ich auch nur das machen, was zwingend verlangt wird bzw. mir gefällt.

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