(Neue) Arbeitswelt

Der perfekte Bewerber?!

Da hab ich ihn! Den perfekten Bewerber! Seine Qualifikationen, seine Berufserfahrungen, seine Beurteilungen – alles scheint zu passen, ja es ist sogar besser. Ich freue mich und sehe bereits das glückliche Gesicht unseres Kunden, der meinen Kandidaten sofort einstellen wird, wenn er sein Profil gesehen hat. Schöner kann es gar nicht mehr werden… denke ich.

Nicht umsonst gibt es den Spruch „Freu dich nicht zu früh!“ Doch wenn eine Bewerbung so erscheint wie ein Puzzleteilchen, nach dem man seit Tagen sucht und schon angefangen hat zu glauben, dass gerade dieses kleine Teil bei der Puzzleproduktion vergessen wurde, kann ein Arbeitstag nicht besser verlaufen. Über zehn Jahre Softwareentwicklung und die Branche passt auch, die Arbeitszeugnisse sind hervorragend und ich kann es kaum glauben, dass dieser Typ keinen Job findet. Da muss es doch einen Haken geben. Ich muss nicht lange suchen und da passiert es auch schon… Er hat eine private Website angegeben. Das muss ja erstmals nichts heißen, ich habe schon viele private Seiten gesehen und vor allem in der IT Branche ist es verbreitet, dass man sein technisches Profil und die Referenzen dort präsentiert. Hier ist aber schon der Name der Seite etwas bedenklich und lässt einen zusammenzucken. Was erwartet mich da? Die Seite ist ganz düster, wie der Name, aber man wird freundlich begrüßt. Kurzes CV, eine ausführliche Vorstellung der Skills, Arbeitsproben, ein Foto. Der Kandidat steht auf Fantasy und besucht themenverwandte Festivals – das ist überhaupt nicht schlimm, obwohl ich schon öfters von unseren Kunden gehört habe, dass es eher nicht zu empfehlen ist, WoW als Hobby anzugeben (angeblich kann man daran das Suchtpotential des Bewerbers ablesen). Auch die Kurzgeschichten hören sich sogar ganz interessant an und der Schreibstil gefällt mir. Und da ist auch schon der Haken! Das Puzzle, das ich meinte, zusammen gekriegt zu haben, zerfällt in alle Einzelteile und meine Stimmung verändert sich in Bruchteilen von Sekunden. Ich stoße auf ein äußerst fragwürdiges literarisches Werk, in dem er allem Anschein nach seine Erfahrungen aus Gesprächen mit Personalern verarbeitet hat. Nachdem ich diese etwas gruselige Story gelesen habe, die Ereignisse am Ende völlig ausgeartet sind und alle von Terroristen getötet wurden, war ich mehr als irritiert. Ist es denn überhaupt günstig, persönliche Gedanken dieser Sorte an den Personaler zu schicken? Was nun? Was macht man mit solchen Informationen? Nachdem ich mir jedoch Referenzen eingeholt hatte und herauskam, dass der Kandidat von Vorgesetzten und Kollegen für seine Arbeit sehr geschätzt wurde, war ich wieder beruhigt und konnte aufatmen.

Nichtsdestotrotz sollte man meiner Meinung nach im besten Falle darauf verzichten, solche Fakten mit in die Bewerbungsunterlagen reinzunehmen. Es spricht nichts dagegen, sich privat über Gott und die Welt auszulassen, Dinge, die einen nerven und aufregen in Foren, auf privaten Websites oder Blogs auszudiskutieren, aber man sollte schon darauf achten, welche Informationen man dem potentiellen Arbeitgeber mitteilen möchte.

Über den Autor

Anna M

Anna war von März 2013 bis Ende 2014 im Bereich Recruiting bei uns tätig. Nach ihrem Magisterstudium in Slawistik, Romanistik und Auslandsgermanistik war sie zunächst als Vertrieblerin tätig. Am liebsten berichtete Anna über den Perspektivwechsel vom Bewerber zum Personaler und ihre oft amüsanten Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag.

3 Kommentare

  • Könnte man es nicht auch so sehen: In Zeiten, in denen die Preisgabe von privaten Details, Vorlieben und Meinungen durch Internet-& Social Media-Nutzung quasi zum gesellschaftlichen Leben dazugehört, müssen Personaler immer stärker die privaten Informationen, die eine Person preisgibt von ihren professionellen Qualifikationen und Leistungen trennen.

    Unternehmen denen es nicht gelingt, das Berufliche vom Privaten zu trennen werden zunehmend einen Wettbewerbsnachteil haben.

    Ich kenne viele Leute des Typus „Ich poste nix bei Facebook“, die ich nie im Leben einstellen würde. Nur weil etwas nicht öffentlich sichtbar ist, heißt es nicht, dass nichts vorhanden ist. Vielleicht kann man einfach mal etwas lockerer damit umgehen und solche Dinge ggf. offen ansprechen.

    „Auf facebook hab ich gesehen, Sie kiffen privat ganz gerne mal?“ – „Ja, aber nur am Wochenende“.

    „Sie haben da ja ein paar sehr freizügige Bilder auf ihrem Instagram-Profil!“ – „Tja, Wettschulden sind Ehrenschulden.“

    „Planen Sie, ihre politische Meinung auch am Arbeitsplatz offen kundzutun?“ – „Nein, ich weiß absolut, dass das hier nicht hingehört.“

    Sollte man im Fall beruflicher Top-Referenzen darüber hinwegsehen?

  • Ich denke nicht, dass man es so leicht trennen kann. Selbstverständlich gibt es auch „Schwarze Schafe“ unter denjenigen, die überhaupt nichts von ihrer Person im Internet preisgeben, wer aber „freizügige“ Bilder“ in einem öffentlichen Profil postet, sollte es sich vorher gut überlegen. Wenn du dich fragst, warum die Unternehmen die privaten Information von den professionellen nicht trennen können – sollte es der Kandidat nicht auch tun? Dafür kann man z.B. sein Profil nur für Freunde sichtbar machen. Ich möchte ungern meinen potentiellen Kollegen bereits vor dem ersten Kennenlernen nackt im Internet gesehen haben. Ein Unternehmen bekommt nur wenig Information über die Person nur aus den Bewerbungsunterlagen. Noten, Zeugnisse, Qualifikation sagen nicht zwingend etwas über den Charakter der Person aus. Man versucht also andere Fakten zu bekommen und gerade diejenigen, die sich öffentlich im Internet präsentieren, sollte ganz genau abwägen, wie und wo sich sich darstellen. Ein fragwürdiges Foto bei Facebook oder Instagram könnte sehr schnell als Risikofaktor verstanden werden.

  • Gibt es denn eigentlich den perfekten Bewerber? Vor allem werden die Zeiten für das Personalmanagement nicht einfacher… Demographischer Wandel und der Fachkräftemangel werden dafür sorgen, dass in ferner Zukunft nicht die Unternehmen sich die Bewerber aussuchen dürfen, sondern vielmehr andersrum …

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