Bewerbung & Interview

Und eins muss ich noch sagen über mich: Ich bin sehr schüchtern

Die Frage nach Stärken und Schwächen kommt ja in den meisten Vorstellungsgesprächen irgendwie auf. Ob mit brachialer, direkter Art oder subtil durch die Blume, aber eine Selbsteinschätzung mögen die meisten Personaler. Schon um zu sehen, wie der Bewerber über sich und seine Art und Arbeitsweise reflektiert. Inwieweit man das Gesagte dann positiv oder negativ auslegt, möchte ich hier mal nicht verpauschalisieren. Ich persönlich finde es wichtig, dass jemand überhaupt über sich nachdenkt und mit einem dritten Auge auf sich schaut.

Neulich hatte ich aber einen Kandidaten im Vorstellungsgespräch, der, als er über seinen Werdegang berichtete plötzlich sagte: „Ja, noch zu mir, ich bin sehr schüchtern.“ Da war ich erst einmal etwas verdutzt, hatte ich ihn ja nicht danach gefragt. Auch hatte ich nicht den Eindruck, er würde nach den Vorgaben eines Ratgebers antworten, der ihm sagte, er solle auch über Stärken und Schwächen Auskunft geben. Aber scheinbar wollte er das schnell von der Seele haben. Erst habe ich das mal so zur Kenntnis genommen, doch als ich später noch einmal in eine ähnliche Richtung fragte, sprach er noch einmal von seiner Zurückhaltung und davon, dass ihm das verschiedene Leute schon gesagt haben. Es würde merkwürdig und unhöflich rüber kommen. Das habe ich beispielsweise gar nicht so empfunden. Sicher hat er sehr ruhig und zurückhaltend und auch knapp geantwortet aber schlimm war das nicht. Und ich sag mal so, wenn das sein einziges wirkliches zwischenmenschliches Problem ist, hat er ja Glück gehabt. Fachlich war er jedenfalls sehr gut. Auch sollte eine schüchterne Art (zumindestens bei Softwareentwicklern) nicht als Ausschlusskriterium gelten. Er will ja nicht in den Vertrieb gehen, sondern Software programmieren.

Mir ist es bisher jedenfalls noch nicht passiert, dass mir jemand ungefragt seine Schwächen erzählt und ihm das scheinbar auch sehr wichtig ist. Vielleicht hatte er einfach Bedenken als komischer Kauz rüberzukommen und wollte das gleich vorweg klären. Wir fanden ihn trotz seiner Schüchternheit sehr sympathisch und auch fachlich hat er schon gut überzeugt. Ehrlichkeit ist, wie ich finde, immer gut, nur sollte man bei heiklen Themen vorsichtig sein und nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen. In besagtem Fall ist das natürlich eher eines niedliches und harmloses Beispiel gewesen und wird dem Kandidaten nicht auf die Füße fallen.

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1 Kommentar

  • Nett war bei mir letztes: „Nennen Sie zwei Schwächen mit bezug auf den xxx-Aspekt der ausgeschriebenen Stelle“

    Da ist nix mit vorher etwas vorbereiten…

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