(Neue) Arbeitswelt

Akademisierung in Deutschland – Ein Trend, den man aufhalten muss?!

Quelle: Thomas Kölsch/pixelio.de
Geschrieben von Ina

Der Deutsche Industrie-und Handelskammertag  (DIHK) warnt vor den Folgen der Akademisierung in Deutschland für den Arbeitsmarkt und das Wachstum der Wirtschaft. Doch die Forderung, mehr Jugendliche in die duale Ausbildung zu bringen allein, löst nicht die Aufgaben, vor denen wir stehen.

Deutschland ist Exportweltmeister und steht für ausgezeichnete Ingenieursleistungen und Innovationen. Doch wenn 25 % der Studierenden ihr Studium abbrechen, in den Ingenieurswissenschaften sogar 50 %, kann man sicher nicht von einer Akademisierung sprechen. Eine duale Ausbildung wäre bestimmt für den einen oder anderen Studienabbrecher eine weniger leidensvolle Alternative gewesen. Aber man sollte nicht beide Wege gegeneinander aufstellen, sondern vielmehr das Problem gesamtgesellschaftlich betrachten.

Was willst Du denn mal werden?

In unsere Gesellschaft ist der Gedanke „ohne Abitur bist’e nix“ sehr verankert. Vielleicht liegt es daran, dass wir unsere Kinder den Menschen überlassen, die nie im Leben etwas anderes gesehen haben als Schule und Universität – den Lehrern. Kinder bekommen nur selten Kontakt zu anderen Welten außerhalb der Schule. Hinzu kommt, dass die Statistiken hier eine ganz klare Aussage treffen: Akademiker sind weniger von Arbeitslosigkeit bedroht und können deutlich mehr verdienen. Das setzt die junge Generation enorm unter Druck. Auf Teufel komm raus wird der akademische Weg favorisiert. In den Schulen werden Fächer unterrichtet und nicht Kinder. Geschweige denn, dass Persönlichkeiten herangezogen werden, die sich über ihre Kompetenzen im Klaren sind. Der Leistungsdruck ist an den Schulen in den letzten Jahren enorm angestiegen und immer mehr Jugendliche klagen über psychische Probleme.

Nach der Schule an eine Hochschule zu gehen, und dass Eltern ihre Kinder nach der Schule noch finanziell unterstützen, wird quasi erwartet. Also warum nicht erst einmal ein Studium probieren? Sicher sind die Möglichkeiten, die eine duale Ausbildung mit anschließenden Aufstiegsqualifikationen bietet, den jungen Menschen viel zu wenig bekannt und gesellschaftlich anerkannt. Bei all diesem Uniformitätsstreben ist wenig Raum für persönliche Entfaltung und Ausprobieren, „was passt zu mir?“.

Veränderung der Arbeitswelten

Wir benötigen heute für die Produktion unserer Güter weniger Arbeitskraft als noch vor ein paar Jahren. Arbeitsverhältnisse gibt es heute in vielfältigen Formen. Teilzeit, geringfügige oder freie projektbezogene Arbeit usw. nehmen zu. Die digitale Welt ermöglicht neue Formen der Kooperation und der Arbeitszeitverlagerung. Neben den Risiken fördern die neuen Formen der Arbeit auch die vernetze Zusammenarbeit und mehr Selbstbestimmung der Arbeitnehmer. Das man sein Leben lang bei ein und demselben Arbeitgeber bleibt, wird außerdem immer seltener.

Unternehmen, die sich zeitig auf diese Dinge einstellen, werden Wettbewerbsvorteile prognostiziert. Der Wert eines Unternehmens wird heute schon nicht mehr nur nach seinen Sachanlagen bestimmt. Das Wissen der Menschen und immaterielle Vermögenswerte in den Organisationen entscheiden über den Marktwert.

Die Menschen hingegen müssen mehr Verantwortung übernehmen, ihre Gestaltungsspielräume ausloten und sich auf ein lebenslanges Lernen einstellen.

Eine Herausforderung an unsere gesamte Gesellschaft

Das Bildungssystem kann nicht mehr nur als Parallelwelt im Universum existieren. Es muss unsere Kinder mehr und mehr mit Methoden und Techniken ausstatten, die für sie für einen selbstbestimmten Broterwerb von Nutzten sind. Schulen und Hochschulen müssen sich öffnen und die Durchlässigkeit in der Bildung zulassen. Es wird möglich sein auch mit einer Berufsausbildung Expertenwissen zu generieren. Nicht mehr nur Abschlüsse, sondern Kompetenzen und Erfahrungen am Arbeitsmarkt werden nachgefragt. Unternehmen werden viel in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren, um im Wettbewerb weiter zu bestehen. Die IT-Branche macht es vor. Hochschulabschlüssen sind Schall und Rauch, wenn jemand ein begnadeter Programmierer oder Datenbankexperte ist.

Bildung und Berufe anders denken!

In der Zukunft werden wir unsere Kinder früher lernen lassen müssen, ihnen solide Grundlagen vermitteln und vor allem Methoden beibringen, die sie für einen lebenslangen Wissenserwerb benötigen. Vielleicht macht es sogar Sinn, jeden Schüler praktisch einen Beruf erlernen zu lassen, um die Arbeitswelt verstehen und sich ausprobieren zu können. Bei 350 Ausbildungsberufen in Deutschland ist doch bestimmt für jeden etwas dabei?!

Universalgelehrte wie Herrn Goethe gibt es nicht mehr. Wir sind alle Experten und müssen in der Lage sein, unser Wissen mit anderen zu teilen und in Teams zu arbeiten.

Schließen wir mal kurz die Augen und stellen uns die Bildung der Zukunft vor…

Wir haben noch einen weiten Weg vor uns!

Über den Autor

Ina

Ina ist Personalerin mit Leib und Seele und war von Juni 2012 bis Mai 2015 unsere Frau an der “Front”. Sie hat bereits in der Personalentwicklung, als Headhunter und als Personalleiterin gearbeitet. Heute ist sie auch in Sachen systemische Beratung unterwegs, coacht und begleitet Fach- und Führungskräfte. Ina hat viel erlebt, was im Personalwesen passieren kann und ist gespannt auf das, was sie noch nicht erlebt hat. Über ihre Erfahrungen berichtete sie auch hier auf dem Bewerberblog.

1 Kommentar

  • Liebe Ina,

    ich bin mittlerweile 31 Jahre und habe nun mein Studium abgeschlossen. 1999 habe ich meine Realschule abgeschlossen und war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Diese Zeit war für Real-/ Mittelschüler das Grauen. Überall wo man sich bewarb wurde das Abitur als Minimum gefordert, Realschüler nicht genug qualifiziert. Im Handwerk z.B. beim Bäcker wurden Abiturienten eingestellt, ganz einfach deshalb weil die Unternehmen es sich damals noch raussuchen konnten. Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen war, durch geburtenstarke Jahrgänge zu Beginn der 80’er, fast drei mal so groß wie das Angebot. Aus meiner Klasse (32 Schüler) hatten am ende der 10. Klasse fünf einen Ausbildungsplatz und 3 eine schulische Ausbildung am OSZ. Von da ab galt: „Du brauchst ein Abitur und ein Studium.“ Viele junge Menschen haben deshalb entweder resigniert und/oder das Abi und ein Studium angeschlossen, so wie ich. Einige studieren sogar zwei Bachelor gleichzeitig um so bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

    Zuerst wollte man gute Real- und Hauptschüler kaum dual Ausbilden, nun jammern alle, dass junge Schulabgänger sich mit einem Abitur und Studium weiterqualifizieren. Tja, da muss wohl das Handwerk und die Ind ustrie Ihre Hausaufgaben nachholen um Azubis zu bekommen.

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