(Neue) Arbeitswelt

Arbeitskultur in Deutschland

Arbeitskultur Deutschland; Quelle: Travel Coffee Book/stocksnap.io
Geschrieben von Gastautor

Wir haben eine neue Praktikantin im Team: ihr Name ist Viktoriia und sie kommt aus Irkutsk in Russland. Im Blogartikel erklärt sie uns, wie sie die deutsche Arbeitskultur kennengelernt hat:

Was internationale Studierende und Absolventen unbedingt im Kopf behalten müssen

Herzlichen Glückwunsch! Du hast deinen ersten Praktikumsplatz in Deutschland bekommen oder sogar noch besser: Du bist ein Berufseinsteiger. Was solltest du aber als internationale/-r Student/-in, als Young Professional am Arbeitsplatz hier im Lande von Schiller und Goethe unbedingt beachten?

Kollegen sind nicht gleich Freunde

In Deutschland unterscheidet man zwischen Arbeit und Freizeit, Geschäftlichem und Privatem, Kollegen und Freunden. Auf der Arbeit wird somit gearbeitet und selten über Haustiere und Omas Gesundheit gesprochen, was in anderen Kulturen oftmals als selbstverständlich gilt. Natürlich hängt es von der Unternehmensgröße, -kultur und anderen Faktoren ab, ob man private Themen auch im Unternehmen anspricht. Jedoch kann man relativ sicher sein: Man sollte nicht erwarten, schnell Freunde auf der Arbeit zu finden. Die meisten Deutschen suchen eher eine Freundschaft im privaten Leben über ihre Hobbys. Deshalb solltest du dich auf keinen Fall allein und verlassen am Arbeitsplatz fühlen oder als ob sich keiner für deine Persönlichkeit interessiert. Da es einfach so in Deutschland ist, dass auf der Arbeit vor allem „geschafft“ wird.

Planen, planen und noch mal planen

Deutsche planen alles im Voraus, ob sie es tatsächlich mögen oder einfach gezwungen sind. Wenn man mal in dieser Welt ist, muss man nach ihren Regeln spielen. Seien es die Termine im Geschäft oder auch im Privatleben wie z.B. eine Hochzeit, die spätestens (!) schon ein Jahr im Voraus geplant sein muss. Und zwar am besten mit einer genauen Liste über Gäste und Anzahl der dekorativen Rosenblumen auf der Hochzeitstorte. Es sollte also alles bis ins letzte Detail bedacht werden und natürlich fix gebucht. Also solltest du auch die wichtigen Termine im Auge behalten und am besten einen Termin mit dem Kollegen im Voraus vereinbaren, wenn du etwas zu besprechen hast.
Wenn du übrigens zu einem Termin eingeladen wirst und nicht auf die E-Mail antwortest, dass du z.B. es zeitlich nicht schaffst, gilt das als eine Zusage. Sie funktioniert dabei nach dem Prinzip „No matter what“, man muss sein Wort halten.

Pünktlich sein

Pünktlichkeit ist Deutschen sehr wichtig. Kein Wunder, wenn man so viele wichtige Termine am Tag hat. Deswegen solltest du immer pünktlich sein.
Wenn es doch nicht klappen sollte, solltest du lieber sofort anrufen und eventuell einen neuen Termin ausmachen.
Jedoch zu früh zu erscheinen kann auch keine so gute Sache sein. Wenn du beispielsweise zwei Stunden vorher als alle anderen Kollegen am Arbeitsplatz erscheinst, bringt es nicht viel, da die meisten Geschäftsprozesse noch nicht in Gang sind. Deswegen solltest du dich lieber an deinen Kollegen orientieren.

Eigeninitiative ergreifen

In der Arbeitswelt gibt es meistens eine klare Aufgabenteilung und somit einen eigenen Verantwortungsbereich. Das heißt, selbst im Praktikum trägst du oft bereits relativ schnell Verantwortung für dein Aufgabengebiet. Du bist dann frei, wie du alles priorisierst, planst und erfüllst. Hauptsache ist, du erledigst es rechtzeitig zu einem bestimmten Termin, der meist von deinem Chef festgelegt wird.

 

Fragen stellen, Probleme ansprechen

Während es in manchen Kulturen ein Zeichen für schlechte Erziehung ist oder man sich einfach dafür schämt, ist es in Deutschland ganz normal Fragen zu stellen, wenn man irgendwas nicht versteht. Denn das zeigt eben dein Engagement, Prozesse zu verstehen und zur Erreichung des gemeinsamen Ziels beizutragen.
Gleichzeitig heißt es, wenn es zu Problemen in Prozessen kommt, werden Deutsche sie umgehend kommunizieren, um alle Beteiligten darauf aufmerksam zu machen und dadurch schnellstmöglich eine Lösung zu erarbeiten. So solltest du auch agieren und dich auf keinen Fall schämen, wenn in deinem Aufgabengebiet Probleme entstehen. Lieber diese sofort ansprechen und lösen, als ignorieren und hoffen, dass alles wieder gut läuft.
Das gleiche gilt übrigens auch für die Wünsche und Erwartungen. Solange sie für die erfolgreiche Ausführung deiner Tätigkeit relevant sind, solltest du sie ehrlich mit deinem Chef besprechen.

Zum Punkt kommen

Die Deutschen schätzen Zeit, müssen noch tausende Sachen erledigen und zu den tausenden Terminen pünktlich sein. Deswegen sprechen sie alle Themen bzw. Probleme direkt an. Sie kommen also zur Sache und reden nicht um den heißen Brei. Solche Direktheit erschreckt die meisten Ausländer und wird als Unhöflichkeit und als Druck wahrgenommen. Jedoch wollen die Deutschen nur maximal schnell, effizient und gut ihre Arbeit erledigen. Sie mögen Fakten, Argumente und konstruktive Diskussionen. Es sind sogar dabei die Streitdiskussionen erlaubt, solange man nicht emotional wird. Die Emotionen haben nämlich keinen Platz in der deutschen Arbeitswelt. Deswegen sollte man die Kritik am Arbeitsplatz auf keinen Fall persönlich nehmen.

Die deutsche Sprache ist das A und O

Wie trivial es auch klingen mag, so muss es doch an der Stelle hervorgehoben werden. Deutsch zu können, ist insbesondere bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (die sogenannten KMUs) sehr wichtig, im Vergleich zu den größeren Konzernen, bei denen Englisch oft die offizielle erste oder zweite Arbeitssprache ist. Das heißt, es gibt eher weniger Chancen, dass das Geschäftsgespräch in den KMUs auf Englisch umsteigt. Das Ganze hängt natürlich von der Position und der Branche ab. Somit solltest du dich bereits während des Studiums über den gewünschten Arbeitgeber informieren und, falls nötig, dein Deutsch verbessern. Selbstverständlich ist die Rechtschreibung dabei unerlässlich.
Auch persönlich ist die Sprache mehr als wichtig, um z.B. Smalltalk mit den Kollegen zu führen, und insgesamt sich gut in das Kollektiv integrieren zu können. Man wird ganz anders wahrgenommen, wenn man gut Deutsch kann. Die Kommunikation läuft einfach entspannter und effizienter, wenn man sich eben nicht auf den Kommunikationsprozess selbst, sondern auf die wesentlichen Inhalte konzentrieren kann, was deinen deutschen Kollegen eben am wichtigsten ist.

Die deutsche Arbeitskultur mag auf den ersten Blick streng und „trocken“ aussehen. Jedoch bringt dieser Arbeitsstil das Land seit Jahrhunderten voran. Es funktioniert also gut. Deutsche können sich sehr gut auf ihre Arbeit konzentrieren und lassen sich scheinbar nicht von Emotionen und von privaten Problemen herunterziehen. Dennoch sind sie auch Menschen: Sie freuen sich, trauern und haben Mitleid – im privaten Leben.
Ich habe mich in dieses Land und seine Menschen verliebt und fühle mich hier sehr wohl.

Dir wünsche ich viel Freude und vor allem Erfolg auf der Arbeit und in der Freizeit!

Über den Autor

Gastautor

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