Körper, Geist & Job

„Auf die Persönlichkeit kommt es an!“ (2/2)

Big Five, Quelle: atlas/pixabay.com
Geschrieben von Ulrike

Im ersten Teil dieser Reihe wurden die Big Five, die fünf großen Säulen der Persönlichkeit, bereits beschrieben: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Heute wird es endlich konkret: Warum sind die Big Five für Personaler so interessant? Welche Eigenschaft hat sich als besonders „karrieredienlich“ heraus gestellt? Und wie verhalte ich mich nun am besten im Interview?

Die Big Five in der Personalarbeit

Neben der Anwendung in Beratung und Therapie haben die Big Five auch im beruflichen Kontext einen festen Platz. Einsatzfelder liegen in der Personalauswahl, Personalentwicklung und im Coaching. Die möglichen Herangehensweisen sind vielfältig:

  • Üblich ist zum Beispiel der Vergleich von Persönlichkeitsprofilen mehrerer Kandidaten – Wer passt am besten auf eine offene Stelle?
  • Umgekehrt können Personaler auch anhand der Big Five ein „Idealprofil“ für eine bestimmte Position definieren und anhand dessen gezielt Kandidaten suchen.
  • Im 360°-Feedback oder in Assessmentcentern kann zusätzlich zur Selbsteinschätzung auch die Fremdeinschätzung einer Person durch Kollegen oder externe Beobachter vorgenommen werden. Selbst- und Fremdwahrnehmung können dadurch verglichen werden.
  • Auch bei der Teamentwicklung können Persönlichkeitsprofile hilfreich sein. Konflikte sind vorprogrammiert, wenn zwei Mitarbeiter mit niedriger Verträglichkeit aufeinander treffen, oder wenn Kollegen eine sehr gegensätzliche Ausprägung in ihrer Offenheit für Erfahrung oder ihrer Gewissenhaftigkeit haben. Dagegen liegt der klare Vorteil von bunt gemischten Teams in einer größeren Vielfalt an Herangehensweisen und Lösungswegen, die bei der Arbeit bei zur Verfügung stehen. Hier muss ein passender Kompromiss gefunden werden.

Welche Big Five-Eigenschaften sind im Job entscheidend?

Aus der eigenen Erfahrung im Alltag hat man häufig bereits ein gutes Gefühl dafür, welche Eigenschaften eher als karrieredienlich einzustufen sind und welche nicht. Tatsächlich belegt auch die Wissenschaft in unzähligen Studien, wie Big Five-Faktoren und beruflicher Erfolg zusammenhängen.

Die wichtigste Erkenntnis der Forschung: Der Big Five-Faktor mit der größten Bedeutung für beruflichen Erfolg, ist die Gewissenhaftigkeit (Judge et al., 1999). Sie wirkt sich positiv auf alle Berufsgruppen aus. Allerdings gilt nicht „je mehr desto besser“ – ab einem gewissen Ausmaß werden ausschweifende Planung und große Detailverliebtheit kontraproduktiv.

Der zweitwichtigste Faktor ist der Neurotizismus: Wer wenig neurotisch, sondern eher emotional stabil und ausgeglichen ist, ist im Job erfolgreicher (Judge et al., 1999). Das gilt ganz besonders für Berufe, in denen es darauf ankommt „die Nerven zu behalten“, z.B. Chirurgen, Piloten oder Polizisten. Ein mittleres Ausmaß an Neurotizismus ist dagegen von Vorteil für Berufe, in denen sensibel und feinfühlig auf Andere eingegangen werden muss, wie z.B. Außendienstmitarbeiter, Berater und Therapeuten.

Die anderen drei Big Five-Faktoren liegen in ihrer Relevanz für den Joberfolg hinter den bereits genannten. Für spezifische Berufsgruppen haben sie dennoch große Bedeutung. Extraversion ist sicherlich das erste Merkmal, an welches man bei einem guten Verkäufer denkt. Ein überdurchschnittlich introvertierter Mensch wird dagegen eher selten Führungskraft oder Spitzenpolitiker, sondern eher Schriftsteller, Biologe oder Buchhalter.

Offenheit für Erfahrungen ist besonders wichtig für alle kreativen Berufe, wie Künstler, Wissenschaftler und Entwickler. Personen mit hoher Ausprägung sind offen für neue Impulse und werfen Altbewährtes auch mal um. Personen mit geringerer Offenheit für Erfahrungen finden sich in Berufen, in welchen sich Pragmatismus und Konservativität auszahlen, wie z.B. Verwaltungsberufe.

Verträglichkeit wünscht sich wohl jeder bei seinen Kollegen, denn verträgliche Menschen sind besonders angenehme Zeitgenossen. In den meisten sozialen Berufen (Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Grundschullehrer) arbeiten sehr verträgliche Personen während weniger verträgliche Menschen sich in Positionen wiederfinden, in denen es auf Konkurrenzkampf und Durchsetzung ankommt, z.B. Anwälte, Politiker, Geschäftsführer.

Was heißt das fürs Vorstellungsgespräch?

Lässt sich aus alldem eine Empfehlung für das Jobinterview ableiten? Ja und Nein. Natürlich kann man sich überlegen, welche Eigenschaften für die angestrebte Position besonders wichtig sind und im Vorstellungsgespräch darauf achten, genau diese Punkte in den Mittelpunkt der Selbstpräsentation zu rücken. Das kann die Jobchancen tatsächlich erhöhen, allerdings nur dann, wenn man die angepriesenen Eigenschaften auch tatsächlich besitzt, d.h. an Verhaltensbeispielen aus der Vergangenheit belegen und auch nonverbal ausdrücken kann.

Eine Position, für die man sich im Interview verstellen müsste, wäre höchstwahrscheinlich nicht die richtige. Zwar schafft man es eventuell durchs Bewerbungsverfahren und bekommt den Job; wie lange man ihn aber behält oder wie zufrieden man damit ist, steht auf einem anderen Blatt Papier. Am erfolgreichsten sind Menschen nachweislich, wenn sie ihren wahren Stärken und Talenten folgen. Und um diese für sich selbst einschätzen zu können, können die Big Five wiederum ein guter Anhaltspunkt sein.

Selbsttest

Wer sich nun für seine persönliche Ausprägung der Big Five interessiert, für den stehen im Internet zahlreiche Kurzfragebögen zur Verfügung. Bei den meisten dieser „Tests“ handelt es sich um Abwandlungen der deutlich längeren und kostenpflichtigen Originalversion (NEO-Fünf-Faktoren-Inventar von Costa und McCrae). Obwohl diese Kurztests wissenschaftlich weniger fundiert sind, ermöglichen sie doch einen neuen und spannenden Blick auf die eigene Persönlichkeit… 😉

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Über den Autor

Ulrike

Ulrike „wagte“ Anfang 2015 nach dem Studium den Schritt ins Berufsleben zu uns und unterstützt uns seitdem als studierte Psychologin im Recruiting. Sie steht nun auf der anderen Seite im Bewerbungsprozess und berichtet über den Perspektivenwechsel, ihre Erfahrungen und andere interessante Themen - natürlich nicht, ohne uns ab und zu einen kleinen Einblick in die Psyche des Menschen zu gewähren.

2 Kommentare

  • Das „Big Five Modell“ wird oft als „wissenschaftlich gegründet“ vorgestellt… Jedoch wundere ich mich sehr, wie prädiktiv die zahlreichen Bewertungstools sind, die auf dieser Basis aufgebaut sind. Es scheint mir, Bewertungstools, die mehr berufsbezogen sind (statt persönlichkeitsbezogen), seine mehr relevant… Aber diese sind kaum auf dem Markt zu finden!

    • Das stimmt, für den routinierten Betrachter ist relativ durchschaubar, welches Item sich auf welchen Trait bezieht – wenn Sie das mit „prädiktiv“ meinen. Aber da Fragebögen zur Selbstauskunft ohnehin nur explizite (d.h. dem Bewusstsein zugängliche) Daten erfassen können, sehe ich darin gar kein Problem.
      Wie „relevant“ ein Instrument (bzw. Tool, wie Sie es nennen) ist, hängt ja immer von der jeweiligen Fragestellung ab. Je nach Themenschwerpunkt können sicherlich auch berufsbezogene Instrumente hilfreich sein.

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