Ratatouille

Betriebsreif – bitte was?

Mit der Fachsprache ist das so eine Sache. Sie scheint in jedem Bereich zu existieren und Vertraute nutzen diese mit einer routinierten Selbstverständlichkeit. Absolut nachvollziehbar! Andersrum habt ihr euch sicher auch schon einmal selbst dabei ertappt, wie ihr über das Fachchinesisch in einem euch fernen Gebiet stolpert. Vollkommen unerwartet bin ich vor einigen Tagen Zeuge einer solchen Situation geworden.

In der vergangenen Woche war ich auf einer Veranstaltung in Berlin, die im Rahmen der Fachkräfteoffensive des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ausgerichtet wird. Schwerpunktthema war die Mobilisierung unterschätzter Potenziale, insbesondere von Frauen und jungen Erwachsenen. Ein hochbrisantes Thema, wenn man an den immer realer werdenden Fachkräftemangel denkt. Ebenso brisant ging es in einem der Fachforen zur Berufsorientierung für junge Erwachsene zu. Welche Voraussetzungen sind erforderlich, um diese Zielgruppe für den Arbeitsmarkt fit zu machen? Können Patenprogramme bei der Weiterentwicklung und –qualifizierung helfen? Einer der befragten Experten, ein „Fallmanager“ der Agentur für Arbeit, berichtete beispielsweise aus seinem Arbeitsalltag, dass der größte Vermittlungserfolg durch den Einsatz von Lerncoaches zu beobachten sei. Insbesondere bei jungen Erwachsenen, die aktuell als „nicht betriebsreif“ gelten.

Betriebsreif? Das steht nicht im Duden, habe ich gerade überprüft. Und trotzdem hatte ich als Zuhörerin des Forums eine Ahnung, was hiermit gemeint ist. Allerdings machte mich die Wortmeldung einer Personalentwicklerin stutzig, die sich an dem gewählten Begriff „betriebsreif“ verbal enorm festbiss. Zumindest hatte ich zwischenzeitlich Bedenken, dass sie ein funktionsunfähiges Mikro hinterlassen könnte… Klar, der Fachjargon der Arbeitsagentur mag gelegentlich gewöhnungsbedürftig sein – wie die deutsche Amtssprache ganz generell – aber der Fallmanager tat mir irgendwie trotzdem leid. Schließlich wurde er mit jedem Wort der Personalentwicklerin spürbar kleiner (und er war sowieso nicht groß!). Zu seiner Verteidigung stellte er noch einmal sachlich klar, dass solche Menschen als betriebsreif gelten, die ausreichend Kompetenzen besitzen, um in einem Betrieb bestehen zu können. Hierzu zählen angemessenes Auftreten, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit.

Ich möchte hier gar nicht werten, ob „betriebsreif“ nun glücklich gewählt ist oder nicht. Vielmehr geht es mir darum, dass es doch nur menschlich ist, mit jedem zusätzlichen Arbeitstag die gängige Fachsprache und üblichen Abkürzungen des eigenen Arbeitsumfelds zu verinnerlichen und auch anzuwenden. Dagegen kann man sich nicht wehren! Zu gern würde ich einen Tag Mäuschen bei der Personalentwicklerin spielen, vollkommen unbewusst wird sie ganz sicher auch das eine oder andere Fachvokabular benutzen.

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