(Neue) Arbeitswelt

Geisteswissenschaftler – Orchideen – ein schwerer Pflegefall?

Geschrieben von Gastautor

Ich habe mich für ein Germanistikstudium entschieden und es nicht bereut. Schließlich habe ich mich fünf Jahre lang mit Dingen beschäftigt, die mich wirklich interessieren. Trotzdem mir einige Leute davon abgeraten haben, dieses „Orchideenfach“ zu studieren. Schließlich habe man damit kaum Jobchancen. Nun ernte ich oft mitleidige Blicke, wenn ich sage, dass ich gerade auf Jobsuche bin und was ich studiert habe. Schließlich sind Geisteswissenschaftler ja bekanntlich unter den Hochschulabsolventen die Sorgenkinder des Arbeitsmarkts. Ich sehe da aber nicht so schwarz. Jedenfalls glaube ich nicht, dass Geisteswissenschaftler auf Taxi fahren und Kellnern angewiesen sind. Die Lage ist ja bekannt und so wissen bereits Studienanfänger, dass die Jobchancen nicht so hoch sind wie bei anderen Studienfächern.

Meiner Meinung nach kommt es darauf an, dass man interessiert und neugierig ist und flexibel in der Vorstellung, was man später mal seinen Beruf nennen könnte. Zunächst sollte klar sein: Das Wenigste, das man im (geisteswissenschaftlichen) Studium inhaltlich lernt, braucht man im Berufsleben. Jedoch bringen Germanisten einige Grundkompetenzen mit. Vor allem können wir uns ausdrücken. Schriftlich wie mündlich. Den meisten Germanisten fällt es nicht schwer, sich vor Menschen zu stellen und Inhalte zu präsentieren. Außerdem können wir formulieren und sind kreativ. Allgemein erarbeiten sich Geisteswissenschaftler im Studium viel selbstständig. Deshalb können wir uns schnell in unbekannte Themen einarbeiten. Wir sind Sammler von Wissen. Deswegen sind wir natürlich auch als Quereinsteiger geeignet. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich durch mein Studium auch dazu fähig bin, Probleme zu erkennen und sie zu lösen. Und wenn mir das einmal nicht gelingt, weiß ich zumindest, wen ich fragen kann.

Für ein Studium der Geisteswissenschaften wird auch immer angeführt, dass junge Menschen diese „brotlose Kunst“ in erster Linie studieren würden, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Doch entwickelt sich nicht jeder weiter, der nur den Willen dazu hat? Er muss sich nur entsprechende Herausforderungen suchen. Allerdings hat man tatsächlich in einem geisteswissenschaftlichen Studium viele Freiräume, um sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Ich habe aber auch schon Kommentare von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren gelesen, die sagen, die Kompetenzen eines Geisteswissenschaftlers hätten sie auch. Schließlich lerne man die in jedem Studium. Da kann ich nur sagen: Das ist aber schön, dass es so viele Multitalente gibt! Aber was meint ihr dazu? Haben Geisteswissenschaftler Kompetenzen, die andere nicht haben? Nach meiner Erfahrung fällt es sogar Hochschuldozenten der Geisteswissenschaften schwer, die beruflichen Kompetenzen, die sie ihren Studierenden beibringen, zu formulieren.

Weitere Artikel von unserer ehemalgen Praktikantin Anna Dietzsch findet ihr hier.

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1 Kommentar

  • Ein sehr schöner Artikel. Ich kann alles, was hier angeführt wurde, sehr gut verstehen, da ich ebenfalls Germanistik studiert habe.

    Auch mir waren die Aussichten auf einen Job im direkten Anschluss an mein Studium durchaus bewusst, daher hatte ich mich bereits während dessen um einen Nebenjob bemüht, der mich beruflich weiterbringen würde – Kellner oder Ähnliches kam mir also nicht in die Tüte. Ich war überrascht, wie schnell sich doch ein solcher Job gefunden hatte – Eigeninitiative kam gut an.

    Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde, gerade wenn man sich bei einem Unternehmen bewirbt, von dessen Kerngeschäft man nicht den blassesten Schimmer hat. Aber um es als Germanist einmal ganz klischeehaft in den Worten Bertold Brechts zu sagen: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

    Ich denke, dass du recht hast, wenn du sagst, dass sich Geisteswissenschaftler neue Dinge schnell selbst aneignen können. Das hilft ungemein, wenn man sich in einem neuen Job beweisen möchte und war auch für mich von Vorteil. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich das riesige Glück hatte, einen sehr guten „Lehrer“ erwischt zu haben – das können sicherlich nicht viele sagen. Er hat sich stets Zeit für mich genommen, auch wenn ich ihn wohl das ein oder andere Mal zur Verzweiflung getrieben habe. Während meiner Zeit als Werksstudentin habe ich letztendlich das gelernt, was es braucht, um auf den Einstieg in das Berufsleben vorbereitet zu sein. Damit meine ich nicht nur Fachwissen, sondern auch die im Studium so oft angepriesenen „Softskills“. Ich verdanke ihm und diesen „Lehrjahren“ sehr viel – letztendlich auch den Job, den ich nach meinem Studium dort antreten durfte.

    Wie der Schritt in die Arbeitswelt ohne die Werksstudententätigkeit und „nur“ mit den im Studium erworbenen Fähigkeiten gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Aber ich bin froh, dass alles genau so gelaufen ist, wie es gelaufen ist.

    Ich denke, dass die Arbeitswelt auch Geisteswissenschaftlern eine Vielfalt an Angeboten bereit hält. Wichtig ist meiner Erfahrung nach, dass man weiß, was man will und bereit ist, dafür Einiges zu geben. Wissbegierde, der Wille, Neues zu lernen, Engagement und Kritikfähigkeit (auch wenn es manchmal schwer fällt) – das sind (so denke ich) die Attribute, die ein Arbeitgeber sehen will.

    Und die sind bei Geisteswissenschaftlern meiner Meinung nach besonders gut ausgeprägt 😉

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