(Neue) Arbeitswelt

Warum bricht jeder 4. Lehrling die Ausbildung ab?

Ist der Abbruch der Ausbildung einem Ausprobieren im Job gleichzusetzen?

Bei der Ausbildung zum Kellner bricht sogar jeder zweite die Lehre ab. Das finde ich persönlich ganz schön erschreckend. Zumal es ursprünglich gar nicht vorgesehen ist, seine Lehre abzubrechen. Es ist sogar mit einer ganzen Menge Aufwand sowohl für den Lehrling als auch die Firma verbunden. Natürlich ist es Quatsch, eine Lehre weiter zu führen, in der man völlig fehlbesetzt ist oder nicht mitkommt oder gar einfach der Aufgaben wegen unglücklich ist. Aber den Schritt eine Ausbildung anzufangen, sollte man doch vorher reiflich überlegen und vielleicht uch während der letzten beiden Schuljahre schon einmal ein Vorpraktikum absolvieren, um zu sehen, ob man sich die Arbeit tatsächlich (und auch nicht nur für die nächsten 3-4 Jahre) vorstellen kann.

Ein Berufsgruppenproblem?

Liegt es jetzt per se am Job, an der Berufsgruppe, an den Branchen? Fakt ist, dass der Beruf des Umzugshelfers oder des Kellners enorme körperliche Anstrengungen verlangt. Und da kann es schnell sein, dass man als Lehrling, wo man grundsätzlich sowieso erst einmal in der Rangliste ganz unten steht und die unbeliebten Aufgaben bekommt, schnell die Lust verliert. Zudem arbeitet man gerade in der Gastronomie genau zu den Zeiten, an denen alle anderen frei haben und auf Partys gehen. Alternativ dazu müsste man dann annehmen, dass der Beruf des Bankkaufmanns weniger anstrengend ist und man dort eigentlich nur am Schreibtisch oder am Schalter sitzt und mit Leuten schwatzt.

Oder doch ein Bildungsproblem?

Gerade für die Lehre zum Bankkaufmann wird mindestens ein sehr guter Realschulabschluss vorausgesetzt. Außerdem ist ein professionelles Auftreten und ein gepflegtes Äußeres essentiell. Ich möchte jetzt keine Schubladendiskussion entfachen oder diskriminierend klingt, aber gerade völlig zugepiercte oder tätowierte Anwärter haben in der Bankbranche eher weniger Chancen und werden oft als (vielleicht auch intellektuell) ungeeignet angesehen. Die Frage die da leider immer mit schwirrt ist: Welcher 16-jährige Bewerber sollte schon gepierct oder tätowiert sein. Doch auch die Frage nach dem sozialen Hintergrund stellt sich. Nicht jeder kommt aus einem Elternhaus, welches einen schon als Jugendlicher sensibilisiert für die (berufliche) Zukunft. Nicht jeder bekommt von zu Hause einen weiten Horizont gelernt. So gemein das klingt, aber gerade aus eher gebildeten Familien kommen auch die Jugendlichen, die sich eher für die karriereversprechenden Berufe und/oder Studium entschließen. Und das korreliert dann auch mit der Abbrecherquote.

Liegt es am Ende vielleicht auch am Verdienst?

Das liebe Geld dürfen wir natürlich auch nicht vergessen. So ist es doch erwiesen, dass bestimmte Berufsgruppen einfach völlig unterbezahlt sind. So verdient ein Zahntechniker in der Ausbildung oft gerade die Hälfte einer Zahnarzthelferin. Ein Azubi zum Heizungsbauer verdient bis zum 4. Lehrjahr nicht einmal so viel wie ein Minijobber. Das ist natürlich auch demotivierend. Und sieht man dann zusätzlich noch die Unterschiede bei körperlicher Auslastung zwischen Möbelpackern und Bänkern, hat man doch schon einige Erklärungen zusammen gesammelt.

Klar ist auch die Rede von Problembranchen, die laut DGB an ihrer Attraktivität arbeiten sollten. Doch ich finde auch, dass man gerade heute auch die Jugend „rügen“ kann. Denn das typische Durchbeißer-Gen scheint heutzutage nahezu ausgestorben zu sein. Zu leicht ist es, einfach alles hinzuwerfen.

 

Über den Autor

Gastautor

Um unsere Inhalte etwas abwechslungsreicher zu gestalten, lassen wir gern auch andere Autoren zu Wort kommen. Interesse? Einfach Mail mit Themenvorschlag an: presse@towerconsult.de.

1 Kommentar

  • Hallo,
    eine Ursache für den Abbruch fehlt meines Erachtens. Es ist die Frage nach der Perspektive.
    Im Betrieb, in dem mein Papa arbeitet, ist es auch so, dass sehr viele Lehrlinge abbrechen. Da ist das Problem aber eher, daß der Betrieb über Bedarf ausbildet und der Beruf gleichzeitig sehr selten ist. In ganz Deutschland gibt es nach bestandener Lehre nicht mehr als 100 Stellen, auf die man sich bewerben könnte.
    Wie würdet ihr da als Lehrling vorgehen, wenn ihr schon im 1. Lehrjahr erfahrt, dass ihr nicht übernommen werdet (einfach weil keiner aus dem Jahrgang übernommen wird) und gleichzeitig der Arbeitsmarkt so überschaubar klein ist, dass auch die Wahrscheinlichkeit woanders unterzukommen (wo ebenfalls über Bedarf ausgebildet wird) gegen null geht?

Hinterlassen Sie einen Kommentar